FanFiction:Schatten der Vergangenheit

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KAPITEL 1: Prolog

Stephen wusste nicht, wie lange er schon auf seinem Bett lag und die Decke über ihm anstarrte. Anfangs versuchte er noch zu schlafen, aber das war schier unmöglich. Nicht nach diesem Tag. Nicht nach dem, was Helen getan hatte. Er konnte es immer noch nicht glauben. Binnen einer Sekunde hatte sie sein Leben ruiniert – ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Was um alles in der Welt hatte er jemals in ihr gesehen? Er erinnerte sich an Nicks Reaktion, als Helen beinahe beiläufig erwähnte, dass sie eine Affäre mit Stephen gehabt hatte. Den Ausdruck des Betrogenen, des Verratenen in Nicks Augen würde er niemals vergessen. Wieder fühlte Stephen die Schuld, die Gewissensbisse, die ihn all die Jahre über geplagt hatten, und die er nie wirklich hatte abschütteln können. Er hatte gewusst, wer Nick war, als er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Auf Helens Schreibtisch hatte ein Bild von ihm gestanden, eingerahmt. Das war, bevor er sich auf die vielen Treffen mit Helen eingelassen hatte, der exotischen Professorin mit dem gefährlichen Touch. Sie hatte ihm alles beigebracht, was sie wusste – sie hatte ihm beigebracht, zu jagen, Fährten zu folgen und – zu lieben. Er war jung gewesen und leicht beeinflussbar. Helen hatte ihn vom ersten Moment an beeindruckt, tief beeindruckt. Dass er nur ein Spielzeug in ihrer perfekt eingefädelten Falle gewesen war, hatte er erst viel später begriffen. Sie hatte ihn benutzt, um Nick eifersüchtig zu machen. Sie war bei weitem nicht die perfekte Frau, für die er sie gehalten hatte, im Gegenteil. Sie war ein kaltherziges, berechnendes Miststück. Und jetzt hatte sie es geschafft, sein Leben vollständig zu ruinieren.

Nachdem Helen in die Perm Periode zurückgekehrt war, um weiter nach der Zukunftsanomalie zu suchen, hatte Cutter nach jemandem namens Claudia Brown gefragt. Keiner von ihnen hatte den Namen vorher schon mal gehört, aber Nick behauptete steif und fest, dass sie Lesters Angestellte gewesen sei. Er war beinahe auf Lester losgegangen, Connor und Stephen hatten ihn gerade noch zurückhalten können. Danach hatte er davonstürmen wollen, aber Stephen stellte sich ihm, wie er sich allem stellte. Cutter warf ihm einen vernichtenden Blick zu und wollte sich umdrehen, aber Stephen packte seinen Arm. „Bitte, hör mir zu“, flehte er. „Lass es mich wenigstens erklären.“ Nick sah hinunter auf Stephens Hand, die seinen Arm festhielt. Dann hob er den Blick und was Stephen sah, erschreckte ihn zutiefst. Noch nie zuvor hatte er soviel Verachtung und Schmerz in Cutters Augen gesehen. „Ich habe dich als meinen Labortechniker ausgewählt, weil ich dir vertraut habe“, sagte Nick. „Ich wusste, dass du loyal bist und dass du mir den Rücken freihältst. Als die Anomalien auftraten, war ich froh, dich an meiner Seite zu haben, aber jetzt... Ich kann nicht mit jemandem zusammen arbeiten, dem ich nicht vertraue.“ Stephen versuchte, Cutters Blick standzuhalten, aber er schaffte es nicht. Beschämt senkte er die Augen. „Ich will dich nicht mehr sehen“, fuhr Nick fort. „Du bist raus aus dem Team.“ „Cutter...“, begann Stephen erneut, aber Nick schüttelte ihn ab. „Es war ein Fehler, das musst du mir glauben! Es tut mir leid! Bitte, du kannst mich nicht rauswerfen.“ Nick fuhr herum. „Sag du mir nicht, was ich nicht tun kann“, warnte er. „Ich will dich nicht hier haben. Geh jetzt, Stephen. Das ist ein Befehl!“ Stephen warf einen hilfesuchenden Blick zu Abby. Wenn er noch von irgendjemandem auf Hilfe hoffen konnte, dann von ihr. Abby fühlte Stephens Blick auf sich ruhen und hob die Augen. Erschrocken wich Stephen einen Schritt zurück. Er hatte gehofft, wenigstens sie würde zu ihm halten, aber ihr Blick war voller Ekel und Verachtung. Stephen fühlte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und er wandte sich ab, um seinen eigenen Schmerz nicht zu zeigen. Er war im Begriff, alles zu verlieren, das ihm jemals etwas bedeutet hatte. Er hatte gehofft, dass Cutter die Wahrheit niemals erfahren würde, hatte ihm die Illusion der perfekten Helen um jeden Preis erhalten wollen. Cutter hätte es niemals ertragen, wenn er erfahren hätte, dass Helen nicht die Frau war, für die er sie gehalten hatte. Schließlich ergriff jemand für Stephen Partei, von dem er es am allerwenigsten erwartet hatte. Connor lief hinter Nick her und hielt ihn auf. „Woah, hey, warten Sie, er ist der beste Fährtensucher, den wir haben!“ „Connor“, mahnte Abby. „Lass es.“ „Nein, entschuldige, Abby, aber das ist unfair. Ich werde nicht zulassen, dass irgendso eine Bitch unser Team zerstört! Genau das ist es doch, was sie wollte, verstehen Sie das nicht?“ „Vorsicht, Connor, ich habe dich schon einmal rausgeworfen, ich kann es wieder tun“, mahnte Nick. „Vergiß es“, mischte sich Stephen ein. „Ich will nicht, dass ihr wegen mir euren Platz im Team verliert. Aber...danke, dass du dich für mich eingesetzt hast.“ „Das gibt's doch gar nicht“, knurrte Connor und eilte weiter hinter Cutter her, wild auf ihn einredend. „Abby...“ Stephen versuchte noch, Abby aufzuhalten, aber sie wandte sich voller Ekel von ihm ab und ging. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit war Stephen allein.

Stephen schloss die Augen und holte tief Luft. Er hoffte inständig, dass alles nur ein böser Traum gewesen war und er am nächsten Morgen ganz normal zur Arbeit in Cutters Büro gehen konnte. Aber tief in seinem Herzen wusste er, dass er alles verloren hatte, was ihm einmal wichtig gewesen war.

KAPITEL 2: ALTE WUNDEN

Das Raubtier stürzte gegen die Wand, überströmt mit seinem eigenen Blut. Eine Fensterscheibe zerbrach in tausend und abertausend kleine Scherben. Claudia schrie auf, und er versuchte, ihre Hand festzuhalten. Aber alles, was er zu fassen bekam, war eine kurze Berührung ihrer Finger. Sie schrie um Hilfe, rief seinen Namen. Irgendetwas hielt sie fest und zog sie fort von ihm. Er selbst schien am Boden festzukleben, konnte sich nicht umdrehen, geschweige denn sich irgendwie bewegen. Er streckte erneut die Hand nach ihr aus, doch er bekam nur leere Luft zu fassen. Alles, was er tun konnte, war, zu beobachten, wie das Raubtier durch das Fenster krachte. Scherben flogen durch die Luft. Dann begann er selbst zu fallen...

Schweißgebadet fuhr Cutter auf. Er lag nicht in seinem Bett. Der Nebel zwischen seinem Schreibtisch und der Tafel an der Wand gegenüber lichtete sich. Er hob den Kopf und starrte auf den Bildschirmschoner seines Computers - ein in regelmäßigen Bahnen über den Bildschirm tanzender Kreis. Er bewegte die Maus neben der Tastatur. Auf dem Bildschirm wurde das Ergebnis seiner Recherche sichtbar. „Du hast früh angefangen zu arbeiten“, sagte jemand unvermittelt von der Treppe her. „Oder warst du die ganze Nacht hier?“ Cutter fuhr aus seinen Gedanken auf. Er hatte Abby oder Connor erwartet, aber sie waren es nicht. Statt dessen stand jemand da, mit dem er am allerwenigsten gerechnet hatte: Stephen. „Du hast vielleicht Nerven, hier aufzutauchen“, sagte Cutter. „Du erscheinst einfach hier, als hätte sich nichts geändert.“ „Es hat sich nichts geändert“, erwiderte Stephen. „Professionell gesehen.“ „Verfluchte Professionalität“, knurrte Cutter. „Es gibt immer noch Arbeit“, sagte Stephen. „Wir sind die einzigen, die sie erledigen können, und das weißt du.“ Das war so typisch für Stephen. Cutter dachte es, und einen Augenblick später fragte er sich, warum er das gedacht hatte. Er arbeitete seit Jahren mit Stephen zusammen, aber er hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, was für ein Mensch Stephen eigentlich war. Auf jeden Fall war er mutig, soviel stand fest. Jeder andere hätte sich zu Hause verschanzt, wäre zu feige gewesen, sich dem Mann zu stellen, dessen Frau er gestohlen hatte. Stephen stellte sich Raubtieren, und er stellte sich dem Mann, den er betrogen hatte. Vielleicht war Mut nur ein anderes Wort für Eigennutz.

Nick öffnete die Türe zur Veranda, von der aus er einen weiten Blick über das Universitätsgelände und den Campus hatte. Die frische Luft tat ihm gut. Er lehnte sich gegen das Geländer und starrte hinaus auf die Hügel, die den Campus der Universität bildeten. Stephen war offensichtlich nicht gewillt, sich dieses Mal wegschicken zu lassen. Er trat ebenfalls hinaus auf die Veranda und lehnte sich gegen das Geländer, aber weiter entfernt, als er es normalerweise getan hätte. „Wir müssen reden.“ Cutter zwang sich, seine Gedanken von Claudia auf Stephen zu konzentrieren. „Sieht so aus.“ „Ich war gerade mal zwanzig“, begann Stephen unsicher. „Sie war...älter, und meine Tutorin. Ich wusste nicht...ich kannte dich damals noch nicht. Sie ist zu mir gekommen. Sie...“ Er brach ab, wusste nicht weiter. Cutter wandte sich ab, blieb ihm eine Antwort schuldig. Armer Stephen, dachte er bei sich, ich habe es noch nie erlebt, dass er nicht wusste, was er sagen soll. Aber dann drangen Stephens Worte wieder in sein Bewusstsein, und plötzlich schien es, als würde ihm jetzt erst richtig bewusst, was Stephen eigentlich gesagt hatte. „Willst du etwa ihr die Schuld geben?“ fragte Cutter scharf. „Willst du damit sagen, dass es nicht deine Schuld war?“ Stephen schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kannte dich kaum“, wiederholte er, als sei das eine Entschuldigung. „Ich wusste, dass ihr verheiratet seid, aber ich dachte...ich war jung. Ich war jung und...verdammt, Nick, es tut mir leid! Es tut mir wahnsinnig leid!“ Cutter fuhr herum. „Was genau tut dir denn leid?“ fragte er. „Tut es dir leid, dass du mit meiner Frau geschlafen hast? Oder tut es dir leid, dass ich jetzt Bescheid weiß? Vielleicht tut es dir ja auch leid, dass du sie auf ihrer kleinen Expedition in die Zukunft nicht begleitet hast?“ Seine Stimme war deutlich angeschwollen, er schrie nicht, aber er war doch so laut, dass ein paar Vögel aus dem nächstgelegenen Baum erschrocken aufflogen. „Verdammt noch mal, Stephen, du hast mit meiner Frau geschlafen!“ Stephen konnte seinem Blick nicht standhalten und senkte schuldbewusst die Augen. „Es war nur ein einziges Mal“, sagte er leise, als würde das irgendetwas ändern. „Es hätte nie passieren dürfen.“ „Du lügst.“ Eigentlich hatte es ein Schrei sein sollen, aber statt dessen war es nur ein kaum hörbares Flüstern. „Nein. Es ist die Wahrheit.“ Cutter atmete tief durch. „Ich hätte nie gedacht, dass du mal vor mir auf die Knie fällst und mich um Verzeihung bittest“, sagte er dann. „Das tue ich auch nicht“, erwiderte Stephen ruhig. „Ich will nur, dass du es verstehst. Es ist nun mal passiert, ich kann es nicht rückgängig machen. Ich...“ Er brach erneut ab. Cutter hatte ihn noch nie zuvor so gesehen. Er kannte ihn nur als den coolen, unnahbaren Stephen, den nichts so leicht erschüttern konnte. „Ich könnte dir das alles verzeihen“, sagte Cutter, und seine Stimme klang eisiger, als er es geplant hatte. „Aber du hast mich angelogen. Wir haben sieben Jahre lang eng zusammengearbeitet, und du hast mich die ganze Zeit angelogen.“ „Wie hätte ich dir davon erzählen können?“ verteidigte sich Stephen. „Du hast um Helen getrauert. Wie hätte ich schlecht von deiner Frau reden können? Erklär mir, wie ich dir hätte sagen sollen, dass sie nicht die Frau war, für die du sie gehalten hast!“ „Statt dessen hast du lieber zugesehen, wie ich um eine Lüge getrauert habe?“ fuhr Cutter ihn an. „Du hast zugesehen, wie mein Leben an mir vorbeizog und hast kein verdammtes Wort gesagt?“ „Ich habe auch gedacht, dass sie tot sei“, sagte Stephen leise. „Ich habe auch um sie getrauert. Ich dachte, dass niemand es je erfahren würde. Es gab keinen Grund, weswegen du es hättest erfahren sollen. Wenn ich es dir gesagt hätte, während du um sie getrauert hast...das wäre unverzeihlich gewesen.“ „Ja“, sagte Cutter bitter. „Es wäre unverzeihlich gewesen.“ Er drehte sich um und ließ einen verzweifelten Stephen hinter sich zurück.

Ungeduldig trat Julie von einem Bein auf das andere. Wann kam endlich dieser verdammte Bus? Eigentlich hätte er schon vor fünf Minuten an der Haltestelle sein sollen, aber das war eben typisch London. Und es passte genau zu Julies bisherigem Tagesablauf. Alles hatte damit begonnen, dass sie viel zu spät aufgestanden war. In allerletzter Minute hatte sie das Flugzeug erwischt, mit viel Glück, denn der Flug von New York City nach London war auch noch mit 15 Minuten Verspätung gestartet, wegen Nebels. Eigentlich kannte Julie Nebel nur von London, aber auch in NY kam das vor. Sie hatte schon gefürchtet, in New York festzusitzen, aber dann war der Flug doch noch freigegeben worden. Kein Wunder also, dass sich jetzt auch noch die Londoner Busfahrer gegen sie verschworen hatten.

In diesem Moment hielt der Bus mit quietschenden Reifen neben ihr. Julie hievte ihren Koffer in den Bus und suchte sich einen Platz in der hintersten Bank.

Eigentlich hatte sie gehofft, dass Cutter oder Stephen sie abholen würden, dann hätte sie wenigstens nicht ihren schweren Koffer schleppen müssen. Obwohl sie nur das Wichtigste aus NY mitgenommen hatte, war der Koffer richtig voll und vor allem schwer. Aber am Gate des Flughafens London Heathrow war weder etwas von Cutter noch von Stephen zu sehen. Dabei hatte sie mehrmals versucht, beide zu erreichen. Stephen hatte sein Handy ausgeschaltet, und bei Cutter hatte sie nur die Mailbox erwischt. Wie sie Nick kannte, hatte er das Mobiltelefon wahrscheinlich unter irgend einem der vielen Stapel in seinem Büro liegengelassen.

Die junge Studentin lächelte bei dem Gedanken an Cutter. Julie kannte sowohl Cutter als auch Stephen schon sehr lange. Ihre Mutter hatte als Professorin für Naturkunde an der Central Metropolitan University gelehrt und dadurch eng mit Nick und Helen zusammen gearbeitet. Vor sieben Jahren war sie auf ähnlich mysteriöse Art und Weise verschwunden wie Helen, ohne eine Spur zurückzulassen. Julie war damals gerade 18 Jahre jung gewesen. Cutter hatte sie unter seine Fittiche genommen, schließlich war ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren wie ihm. Mittlerweile war sie für ihn soetwas wie eine Tochter. Als Julie anfing, wie ihre Mutter Naturgeschichte und Evolutionsbiologie zu studieren, hatte sie auch Stephen kennengelernt. Vor drei Jahren dann hatte Julie ein Stipendium erhalten und war für ein Auslandsstudium nach New York gegangen. Mit Stephen verband Julie eine sehr enge Freundschaft. Sie hatten sich während des Studiums kennengelernt. Julie lächelte erneut. Sie hatte lange nichts von beiden gehört. Wie es Stephen wohl ging? Sie hatten zwar per SMS und Internet Kontakt gehalten, aber das war in den letzten Wochen auch weniger geworden. Stephen hatte sich nur selten gemeldet, und wenn, dann war er noch einsilbiger als sonst. Typisch Stephen eben – Julie hatte sich darüber keine Gedanken gemacht, so war Stephen eben. Eigentlich verabscheute er jegliche Art, zu chatten oder per Webcam miteinander zu plaudern; Julie zuliebe hatte er sich darauf eingelassen.

„Westminster Road“, verkündete eine knarzige Frauenstimme aus dem Funk. Julie verließ den Bus und zog ihren Koffer die wenigen Meter bis zu Cutters Wohnung. Eigentlich hatte sie längst eine eigene, doch die hatte sie vermietet, als sie nach New York gegangen war. Bevor sie den Klingelknopf betätigte, warf sie noch einen Blick auf ihr Handy, aber weder Cutter noch Stephen hatten sich gemeldet. „Was erwarte ich auch?“ grummelte Julie. „Männer eben!“ Sie klingelte. Doch niemand öffnete. Sie klingelte ein zweites und ein drittes Mal, aber noch immer rührte sich nichts. „Das gibt's doch gar nicht!“ maulte Julie. Wahrscheinlich saß Cutter in seinem Büro, grübelte über irgendwelchen Studien. Gott sei Dank hatte er einen Zweitschlüssel in einer Schublade in der Garage verstaut, falls Julie mal unangemeldet bei ihm vorbeischauen sollte. Julie holte den Schlüssel und öffnete die Tür.

Drinnen hatte sich nichts verändert. Julie trug ihren Koffer in ihr altes Zimmer. Nick hatte sogar die Poster von Justin Timberlake hängen gelassen. Julie schüttelte lächelnd den Kopf. Auch im Wohnzimmer war noch alles so wie früher. Der schwarze Flügel, auf den Cutter besonders stolz war, stand in der hintersten Ecke des Raumes, genau wie die Regale, das Sofa, der gemütliche Lehnsessel. Julie hatte Cutter schon oft dazu gedrängt, sich von den alten Sachen zu trennen und hellere, freundlichere Möbel zu kaufen, aber Cutter hatte dann nur abgewint und gesagt, es ihm so gefiele. „Dir fehlt definitiv eine Frau im Leben“, hatte Julie erwidert, woraufhin Cutter nur gelacht hatte. „Du musst es ja wissen“, hatte er gegrinst.

Nach einer warmen Dusche fühlte sich Julie halbwegs wieder wie ein normaler Mensch. Sie trocknete ihre braunen Locken, die ihr bis über die Schultern fielen, schlüpfte in ihre Lieblingsjeans und einen langen, hautengen Pullover, und ging wieder in die Küche. Es war bereits sechs Uhr abends, und noch immer hatten sich weder Stephen noch Cutter gemeldet. So langsam begann Julie, sich Sorgen zu machen. Sollte sie zur Uni fahren, oder war das albern? Schließlich war Cutter ein erwachsener Mann, und wahrscheinlich hatte er einfach nur die Zeit vergessen, was durchaus öfter vorkam. „Mach dich nicht lächerlich“, sagte Julie laut zu sich selbst. Um sich ein wenig zu beruhigen, wählte sie nochmal Stephens Handynummer. Wenigstens hatte er es jetzt eingeschaltet, doch sie erwischte wieder nur die Mailbox. Seufzend klappte Julie ihr Handy zu. Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand über dem Kaminsims. Sieben Uhr. Es konnte Stunden dauern, bis Cutter aus der Uni kam. So lange hielt sie es auf keinen Fall mehr aus. Sie griff zu ihrer Jacke, der Handtasche und dem Wohnungsschlüssel und verließ die Wohnung.

Es war seltsam, nach all der Zeit wieder durch die wohlbekannten Gänge zu schlendern. Der Central Metropolitan University hatte Julie das Stipendium für die USA zu verdanken. Hier hatte sie ihre Vorliebe für alles Prähistorische entdeckt. Okay, das war ihr bei der Mutter quasi in die Wiege gelegt worden, aber sie hätte nie gedacht, dass sie das Studium derart begeistern würde. Doch daran hatte besonders Stephen einen großen Anteil. Julie konnte es vor Vorfreude kaum erwarten, als sie an Cutters Bürotür klopfte. Schließlich hatte sie ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen.

Doch wieder antwortete niemand auf ihr Klopfen. Julie klopfte noch einmal, dann öffnete sie die Tür. „Nick? Nick, bist du da?“ Das Büro jedoch war leer. Julie stieg die kleine Treppe hinunter in das Büro, schaute sogar in das angrenzende Labor, doch von Cutter keine Spur. Julie schüttelte den Kopf und trat hinaus auf den schmalen Balkon, von dem aus man einen weiten Blick über das Campus hatte. Erstaunt fuhr sie zurück. Stephen lehnte am Geländer und starrte mit ausdruckslosem Blick über die Wiesen. „Stephen!“ entfuhr es ihr. Mit ihm hatte sie jetzt überhaupt nicht gerechnet. Stephen fuhr herum und starrte Julie ungläubig an. „Julie! Was machst du denn hier?“ „Ich freue mich auch, dich zu sehen“, gab Julie zurück. „Ich habe bestimmt zehn Mal versucht, dich zu erreichen! Warum gehst du nicht an dein Handy?“ „Oh verdammt“, murmelte Stephen. „Du wolltest ja heute zurückkommen. Das hatte ich total vergessen.“ „Das hab ich gemerkt“, maulte Julie, gespielt beleidigt. „Ich musste meinen Koffer den ganzen Weg zu Nicks Wohnung alleine schleppen!“ Stephen konnte nicht umhin zu grinsen. „Was natürlich absolut die Hölle für dich war, stimmts? Ich hab's ja gleich gesagt, hättest du mal weniger Zeug mitgenommen.“ „Spiel auch noch den Oberlehrer“, gab Julie zurück. „Eigentlich müsstest du mich auf Knien um Verzeihung bitten.“ Stephen senkte beschämt die Augen. „Tut mir echt leid. Es ist...war ziemlich stressig in letzter Zeit.“ Julie lächelte versöhnlich. „Schon okay. Wieso bist du überhaupt alleine hier, wo ist Nick? Ich hab ihn schon überall gesucht.“ Stephen wich ihrem Blick aus. „Keine Ahnung. Er ist vorhin gegangen.“ „Also habt ihr euch gestritten“, stellte Julie sehr richtig fest. „Worum ging's diesmal?“ „Das...ist eine lange Geschichte“, wich Stephen aus. „Wie war's überhaupt in NY, du hast noch gar nichts erzählt.“ „NY ist der Hammer“, schwärmte Julie. „Aber das erzähl ich, wenn Nick auch da ist. Du hast wirklich keine Ahnung, wo er steckt?“ „Nein, tut mir leid“, sagte Stephen. „Jetzt komm erst mal her, Süße, wir haben uns drei Jahre lang nicht gesehen! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr zurück.“

Er trat auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er sie wirklich vermisst hatte. Ihre lockere, fröhliche Art, ihre blitzenden dunklen Augen, die ihn immer wieder in ihren Bann zogen. Sie wusste es nicht, aber sie war etwas ganz Besonderes für ihn, schon immer gewesen. Er löste sich aus der Umarmung und betrachtete sie genauer. „Wow“, stellte er dann fest. „NY hat dir wirklich gutgetan. Du siehst toll aus.“ Das hatte es wirklich. Julie war noch dünner geworden, aber es stand ihr extrem gut, wie Stephen fand. Ihre langen dunklen Locken umrahmten ihr hübsches schmales Gesicht. Julie errötete um die Nasenspitze. „Das sind die vielen Burger“, witzelte sie. Stephen grinste. „Ich hab's ja immer gewusst. Fast Food ist eben doch gut für die Figur. Hey, was hältst du davon, wenn wir etwas trinken gehen? Ich zahle auch.“ Bevor Julie zustimmen konnte, klingelte ihr Handy. Sie warf einen Blick auf das Display. „Na endlich!!!“ maulte sie dann in den Hörer. „Wo zur Hölle steckst du, Cutter???“

Am anderen Ende der Leitung musste Nick Cutter lachen. So kannte er Julie. Sie nannte ihn nur beim Nachnamen, wenn sie sauer auf ihn war. „Tut mir furchtbar leid, Süße, ich hab total vergessen, dass du heute schon zurückkommen wolltest“, sagte Nick. „Hat dich niemand abgeholt?“ „Nein“, versetzte Julie. „Stephen hat es auch nicht für nötig gehalten, mal seine Mailbox abzuhören.“ „Meine arme Julie“, bedauerte Cutter sie. „Wo bist du gerade? Ich bin in zwanzig Minuten zu Hause, es gibt eine Menge Neuigkeiten.“ „Ich bin in deinem Büro“, antwortete Julie. „Eigentlich dachte ich, dass du arbeitest. Aber ich bin so schnell wie möglich zu Hause.“ Sie beendete das Gespräch und lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, ich muss zuerst mit Nick sprechen.“ „Na klar“, meinte Stephen, bemüht, unbeteiligt zu klingen. „Ich melde mich, okay?“ versprach Julie. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, drückte Stephen einen Kuss auf die Wange und ging.

Stephen sah ihr nach, wie sie die Stufen zur Tür hinaufsprang und um die Ecke verschwand. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Sie war ein Wirbelwind, schon immer gewesen. Wenn Julie den Raum betrat, zog sie automatisch alle Blicke auf sich, und das nicht etwa, weil sie unglaublich hübsch war. Wobei sie auch das war, aber sie machte sich nichts aus lackierten Fingernägeln oder top gestylten Haaren. Sie war eben Julie...genauso chaotisch wie Cutter, nur auf andere Art. So nahm sie zum Beispiel ihr Studium sehr genau. In ihren Ordnern herrschte Ordnung bis zum kleinsten Zettel, sie konnte kein unordentliches Zimmer ertragen, auch nicht, wenn irgendwo nur eine Jeans herumlag, die nicht dorthin gehörte. Dies alles passte eigentlich so gar nicht zu ihrer sonst so chaotischen Persönlichkeit. Aber genau das faszinierte Stephen so an ihr. Mit Julie konnte man Pferde stehlen gehen, aber wenn eine Klausur anstand, und Julie in Cutters Büro ein bestimmtes Buch nicht finden konnte, drehte sie durch. Stephen seufzte tief. Ob Cutter ihr wohl von Helen und ihm erzählen würde? Sicher würde er das. Spätestens ab morgen würde auch Julie kein Wort mehr mit ihm reden, und er konnte es sogar verstehen. Cutter hatte verdammt Recht gehabt. Es gab keinen Grund, warum er für Stephen lügen sollte.